Evangelischer Gemeindeverein Weisendorf - Rezelsdorf e.V.
 Evangelischer Gemeindeverein  Weisendorf - Rezelsdorf e.V.

Begriff der Pflegebedürftigkeit - § 14 SGB XI

Der Begriff der Pflegebedürftigkeit wird völlig neu definiert. Maßgeblich für das Vorliegen von Pflegebedürftigkeit sind Beeinträchtigungen der Selbständigkeit oder Fähigkeitsstörungen in sechs Bereichen (Module).

Während die bis zum 31.12.2016 geltende Regelung zur Einstufung in die Pflegestufen überwiegend auf Verrichtungen abstellt, die vorrangig bei körperlich beeinträchtigten Menschen vorkommen, werden ab dem 01.01.2017 insbesondere auch die kognitiven und psychischen Beeinträchtigungen sowie die Belastungen im Zusammenhang mit Krankheiten und der damit verbundenen Therapien (z.B. Behandlungspflege) erfasst.

Dies führt künftig zu einer ganzheitlichen Beurteilung der Einschränkung bzw. Leistungsfähigkeit - und damit mutmaßlich insgesamt zu mehr Gerechtigkeit bei der Festlegung des Pflegegrades.

Dabei spielen die bisherigen Zeitorientierungswerte keine Rolle mehr. Vielmehr geht es in der Regel um die Frage, ob die erforderliche Fähigkeit noch vorhanden ist und ob damit verbundene Tätigkeiten selbständig, teilweise selbständig oder nur unselbständig ausgeübt werden können.

Module:

  1. Mobilität
  2. Kognitive und kommunikative Fähigkeiten
  3. Verhaltensweisen und psychischen Problemlagen
  4. Selbstversorgung
  5. Bewältigung von und selbständiger Umgang mit krankheits- oder therapiebedingten Anforderungen und Belastungen
  6. Gestaltung des Alltagslebens und sozialer Kontakte

 

Modul 1 - Mobilität

 

Hierzu gehören

  • der Positionswechsel im Bett,
  • Halten einer stabilen Sitzposition,
  • Umsetzen,
  • Fortbewegen innerhalb des Wohnbereichs,
    und
  • das Treppensteigen.

Bei der Begutachtung wird festgestellt, inwieweit der Pflegebedürftige diese Tätigkeiten selbständig bzw. in welchem Umfang nur noch unselbständig wahrnehmen kann.

 

Modul 2 - kognitive und kommunikative Fähigkeiten

 

In diesem Modul spielen folgende Kriterien eine Rolle:

  • Erkennen von Personen aus dem näheren Umfeld,
  • örtliche Orientierung,
  • zeitliche Orientierung,
  • Erinnern an wesentliche Ereignisse oder Beobachtungen,
  • Steuern von mehrschrittigen Alltagshandlungen,
  • Treffen von Entscheidungen im Alltagsleben,
  • Verstehen von Sachverhalten und Informationen,
  • Erkennen von Risiken und Gefahren,
  • Mitteilen von elementaren Bedürfnissen,
  • Verstehen von Aufforderungen,
    sowie
  • Beteiligen an einem Gespräch.

Hier wird im Rahmen der Begutachtung festgestellt, in welchem Umfang diese Fähigkeiten noch unbeeinträchtigt vorhanden sind - bzw. eben nicht mehr vorhanden sind.

 

Modul 3 - Verhaltensweisen und psychische Problemlagen

 

In diesem Modul wird durch den Gutachter geprüft, wie oft folgende Verhaltensweisen vorkommen:

  • motorisch geprägte Verhaltensauffälligkeiten,
  • nächtliche Unruhe,
  • selbstschädigendes und autoaggressives Verhalten,
  • Beschädigen von Gegenständen,
  • physisch aggressives Verhalten gegenüber anderen Personen,
  • verbale Aggression,
  • andere pflegerelevante vokale Auffälligkeiten,
  • Abwehr pflegerischer und anderer unterstützender Maßnahmen,
  • Wahnvorstellungen,
  • Ängste,
  • Antriebslosigkeit bei depressiver Stimmungslage,
  • sozial inadäquate Verhaltensweisen,
    sowie
  • sonstige pflegerelevante inadäquate Handlungen

 

Modul 4 - Selbstversorgung

 

Dieses Modul lehnt sich inhaltlich eng an die bis zum 31.12.2016 gültige Einstufung an. Es berücksichtigt dabei folgende Kriterien:

  • Waschen des vorderen Oberkörpers,
  • Körperpflege im Bereich des Kopfes,
  • Waschen des Intimbereichs,
  • Duschen und Baden einschließlich Waschen der Haare,
  • An- und Auskleiden des Oberkörpers,
  • An- und Auskleiden des Unterkörpers,
  • mundgerechtes Zubereiten der Nahrung und Eingießen von Getränken,
  • Essen,
  • Trinken,
  • Benutzen einer Toilette oder eines Toilettenstuhls,
  • Bewältigen der Folgen einer Harninkontinenz und Umgang mit Dauerkatheter und Urostoma,
  • Bewältigen der Folgen einer Stuhlinkontinenz und Umgang mit Stoma,
  • Besonderheiten bei Sondenernährung,
    sowie
  • Besonderheiten bei parenteraler Ernährung

Bestehen gravierender Probleme bei der Nahrungsaufnahme bei Kindern bis zu 18 Monaten, die einen außergewöhnlich pflegeintensiven Hilfebedarf auslösen, so wird hier gesonderte Bewertung vorgenommen.

Interessant ist, dass es künftig auch in diesem Modul keine "Minutenwerte" mehr geben wird. Vielmehr wird geprüft, ob die Verrichtungen noch selbständig bzw. in welchem Maße sie nur noch unselbständig ausgeübt werden können.

 

Modul 5 - Bewältigung von und selbständiger Umgang mit krankheits- oder therapiebedingten Anforderungen und Belastungen

 

Folgende Tatbestände werden ebenfalls in die Beurteilung der Pflegebedürftigkeit einfließen:

  1. Anforderungen und Belastungen in Bezug auf Medikation, Injektionen, Versorgung intravenöser Zugänge, Absaugen und Sauerstoffgabe, Einreibungen sowie Kälte- und Wärmeanwendungen, Messung und Deutung von Körperzuständen, körpernahe Hilfsmittel,
  2. Anforderungen und Belastungen in Bezug auf Verbandswechsel und Wundversorgung, Versorgung mit Stoma, regelmäßige Einmalkatheterisierung und Nutzung von Abführmethoden, Therapiemaßnahmen in häuslicher Umgebung,
  3. Anforderungen und Belastungen in Bezug auf zeit- und technikintensive Maßnahmen in häuslicher Umgebung, Arztbesuche, Besuche anderer medizinischer oder therapeutischer Einrichtungen, zeitlich ausgedehnte Besuche medizinischer oder therapeutischer Einrichtungen, Besuch von Einrichtungen zur Frühförderung bei Kindern
    sowie
  4. Anforderungen und Belastungen in Bezug auf das Einhalten einer Diät oder anderer krankheits- oder therapiebedingter Verhaltensvorschriften.

 

Modul 6 - Gestaltung des Alltagslebens und sozialer Kontakte

 

n diesem Modul werden künftig folgende Kriterien bewertet:

  • Gestaltung des Tagesablaufs und Anpassung an Veränderungen,
  • Ruhen und Schlafen,
  • Sich beschäftigen,
  • Vornehmen von in die Zukunft gerichteten Planungen,
  • Interaktion mit Personen im direkten Kontakt,
    sowie
  • Kontaktpflege zu Personen außerhalb des direkten Umfelds.

In diesem Modul ist wiederum relevant, ob das entsprechende Kriterium selbständig bzw. in welchem Maße nur noch unselbständig durchgeführt werden kann.

 

Außerhäusliche Aktivitäten und Haushaltsführung

Der Gesetzgeber hält eine gesonderte Berücksichtigung von Tätigkeiten in diesen Bereichen für entbehrlich, da die Darstellung der qualitativen Ausprägungen bei den zuvor genannten Kriterien ausreichend ist, um Anhaltspunkte für eine Versorgungs- und Pflegeplanung ableiten zu können.

 

Pflegegrad - § 15 SGB XI

Zur Ermittlung eines Pflegegrades werden die bei der Begutachtung festgestellten Einzelpunkte in jedem Modul addiert und - unterschiedlich gewichtet - in Form einer Gesamtpunktzahl abgebildet. Diese Gesamtpunkte ergeben die Zuordnung zum maßgeblichen Pflegegrad.

Der Pflegegrad wird mit Hilfe eines pflegefachlich begründeten Begutachtungsinstruments ermittelt.

  1. Pflegegrad 1: geringe Beeinträchtigung der Selbständigkeit (ab 12,5 bis unter 27 Gesamtpunkte)
  2. Pflegegrad 2: erhebliche Beeinträchtigung der Selbständigkeit (ab 27 bis unter 47,5 Gesamtpunkte)
  3. Pflegegrad 3: schwere Beeinträchtigung der Selbständigkeit (ab 47,5 bis unter 70 Gesamtpunkte)
  4. Pflegegrad 4: schwerste Beeinträchtigung der Selbständigkeit (ab 70 bis unter 90 Gesamtpunkte)
  5. Pflegegrad 5: schwerste Beeinträchtigung der Selbständigkeit mit besonderen Anforderungen an die pflegerische Versorgung (ab 90 bis 100 Gesamtpunkte)

Pflegebedürftige mit besonderen Bedarfskonstellationen können aus pflegefachlichen Gründen dem Pflegegrad 5 zugeordnet werden, auch wenn ihre Gesamtpunkte unter 90 liegen. Der Spitzenverband der Pflegekassen hat in seinen Richtlinien festgelegt, dass diese besondere Bedarfskonstellation bei Gebrauchsunfähigkeit beider Arme und beider Beine besteht. Dies umfasst nicht zwingend die Bewegungsunfähigkeit der Arme und Beine, die durch Lähmungen aller Extremitäten hervorgerufen werden kann. Ein vollständiger Verlust der Greif-, Steh- und Gehfunktion ist vielmehr unabhängig von der Ursache zu bewerten. Dies kann z. B. auch bei Menschen im Wachkoma vorkommen. Eine Gebrauchsunfähigkeit beider Arme und beider Beine liegt auch vor, wenn eine minimale Restbeweglichkeit der Arme noch vorhanden ist, z. B. die Person mit dem Ellenbogen noch den Joystick eines Rollstuhls bedienen kann, oder nur noch unkontrollierbare Greifreflexe bestehen.

Gewichtung der Module bei der Feststellung des Pflegegrades

 

Für jedes bewertete Modul wird nach einem gesetzlich vorgegebenen Schema - je nach Umfang der Einschränkung - ein Punktwert vergeben. Hierbei handelt es sich jedoch noch nicht um den Punktwert, der später in die Gesamtbewertung einfließt!

 

Bei der Feststellung des Pflegegrades werden die einzelnen Module unterschiedlich, und zwar wie folgt gewichtet:

  • Modul 1 - Mobilität mit 10 Prozent,
  • Modul 2 und 3 - kognitive und kommunikative Fähigkeiten sowie Verhaltensweisen und psychische Problemlagen zusammen (das Modul mit dem höchsten Wert wird berücksichtigt) mit 15 Prozent,
  • Modul 4 - Selbstversorgung mit 40 Prozent,
  • Modul 5 - Bewältigung von und selbständiger Umgang mit krankheits- oder therapiebedingten Anforderungen und Belastungen mit 20 Prozent,
  • Modul 6 - Gestaltung des Alltagslebens und sozialer Kontakte mit 15 Prozent.

 

Pflegebedürftige Kinder

Bei pflegebedürftigen Kindern wird der Pflegegrad durch einen Vergleich der Beeinträchtigungen ihrer Selbständigkeit und ihrer Fähigkeitsstörungen mit altersentsprechend entwickelten Kindern ermittelt. Für Kinder bis zur Vollendung des 18. Lebensmonats werden lediglich die Module 3, 4 und 5 gewertet. Die zuvor beschriebene "besondere Bedarfskonstellation" gilt auch für Kinder.

Pflegebedürftige Kinder im Alter bis zu 18 Monaten werden abweichend von den oben genannten Punktwerten wie folgt eingestuft:

  • ab 12,5 bis unter 27 Gesamtpunkten in den Pflegegrad 2,
  • ab 27 bis unter 47,5 Gesamtpunkten in den Pflegegrad 3,
  • ab 47,5 bis unter 70 Gesamtpunkten in den Pflegegrad 4,
  • ab 70 bis 100 Gesamtpunkten in den Pflegegrad 5.

Ab Vollendung des 18. Lebensmonats erfolgt dann anhand der ermittelten Punktzahl eine Einstufung in die Pflegegrade wie bei Erwachsenen.

 

Quelle: Bundesgesundheitsministerium

 

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